Pensionisten flüchten vor Weihnachten nach La Palma

Liebe Leserinnen und Leser

Ich hoffe ihr habt Weihnachten gut überstanden. Viel Essen, einen hübschen Christbaum, vielleicht ein paar Packerl und gaanz viel besinnliche und ruhige Zeit…. bei letzteres sagen nun bestimmt viele „Naja, …ruhig und besinnlich ist was anderes“.  Nanu?

Kurz vor Weihnachten war ich eine Woche Urlaub auf der kanarischen Insel La Palma. Da die Weihnachtsferien noch nicht begonnen haben, traf ich viele Pensionisten. Bei jedem Gespräch kam raus, dass die meisten über Weihnachten weg blieben. Auf meine Frage warum, antworteten alle ähnlich. Sie seien es satt, jedes Weihnachten mit erhöhtem Puls zu durchstehen. Das Wort besinnlich ist nur mehr eine dekorative Floskel und nicht mehr wahr. Heutzutage muss Weihnachten Instagramtauglich sein. Darauf folgt der Überfluss an allen Ecken. Es beginnt bei den Geschenken, bis hin zur einmaligen Deko und zu guter Letzt beim Aufwand. Kein Mensch sagt was dagegen, wenn man es so liebt und will. Aber beim zweiten Mal nachfragen, springt ihnen den Stress nahezu aus den Augen und der Satz „Weil ich es so liebe und möchte“ verwandelt sich in „Weil ich ja fast muss, die anderen würden reden und urteilen…heutzutage soll es ja so sein“.

Die Pensionisten sprachen auch von dem, dass viele Weihnachten nicht mehr für sich selbst, sondern für alle anderen gestalten. Da hats doch einen Haken oder?
Sie erzählten weiter, beim Anblick meines fragenden Gesichtes.
Ich sollte überlegen, wie ihr Weihnachten früher immer war. Da der Überfluss nicht leistbar war,  wurde echtes Weihnachten gefeiert. Im Kreise der Liebsten und in Ruhe. Da war kein Drang, den anderen beeindrucken zu müssen… mehr Prunk und Lichter als der Nachbar zu haben. Geschenke waren als liebe Geste mit Sinn gedacht und nicht als Vermögensprästentation.
Gestresste Familien in Panik wie vor einer Projektpräsentation. Am Ende des Festes kommt dann die nächste Welle, wo genau das selbe bei den Verwandtenbesuchen passiert. Omas und Opas kochen wie die Wilden um ja den Anforderungen gerecht zu werden, mit den Gedanken „ja hilft nicht, dass muss heutzutage so sein…leider.“

Da es den älteren Menschen im Herzen wehtut, das heutige Weihnachten so mitzubekommen, packen sie lieber ihre Koffer und verbringen auf Urlaub das Weihnachtsfest.

Dies hat mich sehr sehr nachdenklich gemacht. Einen Tag vor Weihnachten waren wir wieder zurück und feierten zu Hause den Geburtstag von Thomaspapa bis in die Nacht hinein.
Anhand den Instagram-Stories erkannte ich immer wieder die Wahrheit der Worte von den Pensionisten.
Jeder präsentierte seinen perfekten Baum mit perfekt platzierten Päckchen darunter. #instachristmas
Ich traue mich zu sagen, dass manche Damen lieber eine kuschelige Jogginghose und Stricksocken tragen wollten, als das neue ungemütliche Kleid und High Heels (!!!) Oder täusch ich mich etwa?

Muss ich nun Weihnachten auch schon so feiern, dass es ja den anderen gefällt und nicht mehr mir selbst?
Heute im Radio hab ich sogar gehört, wie die Moderatorin sprach, dass ab heute die meisten Verwandtenbesuche und Bescherungen vorbei sind und man nun endlich entspannen kann.

…Wie bitte?

Ich habe bei uns zu Hause Glück. Nach dem ausräuchern von Haus und Stall und dem Beten gibt es jedes Jahr eine einfache und traditionelle Würstelsuppe und Kekse. Was nicht heißt, dass wir schlecht essen. Bei uns ist es Tradition. Darauf folgt die Bescherung wo Packerl verteilt und aufgemacht werden. Der Abend ist entspannt, es wird viel gelacht und Opa erzählt wieder die spannenden Geschichten, wie sie damals immer den  Christbaum nach Hause gebracht haben und die Damen immer schimpften, wenn er so … naja mitgenommen aussah. Oft bohrten sie in den Stamm Löcher um die Äste wieder zu fixieren. 🙂

Ich dachte währenddessen oft an die Worte der Pensionisten im Urlaub und dachte mir, ich muss euch das erzählen.

„Wenn de staade Zeit vorbei ist, wirds eh wieder ruhig“ (Karl Valentin)

Was denkt ihr darüber? Haben die Pensionisten recht?

Liebe Grüße von eurer Jungbäuerin Sissy

Nun folgen keine posierten Weihnachtsbilder!

2 Kommentare

  1. Liebe Sissy,

    als ich Deine Überschrift das erste Mal las, dachte ich mir, das hört sich an wie eine schlechte Nachricht. Wie eine Schlagzeile aus einem Nachrichtenmagazin. Ja, ich fürchte, die Pensionisten, die Du kennengelernt hast, haben recht. Ich fürchte sogar, daß sie nicht nur vor Weihnachten flüchten. Und ich fürchte, es gibt noch viel mehr Pensionisten, die auch gerne flüchten würden. Wie schön wäre es, wenn alle Pensionisten flüchten könnten, die es wollen. Wie schön wäre es, wenn ihnen Jüngere folgen würden. Aber trotzdem denk ich, es ist gut so, wie es ist. Solange jeder flüchten kann, weil er will und nicht muß, ist es ok. Die einen flüchten halt nach La Palma, die anderen nach Weihnachten. Ich flüchte auch, obwohl ich noch kein Pensionist bin. Nur halt nicht nach Weihnachten. Wer braucht schon Lebkuchen im Sommer?

    Sissy, Du bist ein Geschenk! Danke! Und Danke auch nochmal für die Bienenpower!

    Liebe Grüße,
    Hans

  2. Liebe Sissy,

    als mittelalter (aber noch nicht wirklich pensionsreifer) Sack, gebürtiger protestantischer Piefke aus Berlin und inzwischen wahl-norddeutscher Flachland-Tiroler kann ich bestätigen, dass das auch in der Norddeutschen Tiefebene und ohne Instagram schon vor 40 Jahren nicht viel anders war. Alle Last ruhte damals auf Mutters Schultern: Kochen, backen, Baum schmücken, dazu alles zeitlich so koordinieren, dass auch noch für die Christmette Zeit blieb. Irgendwann verkündete Mutter auf gut Berlinerisch, jetzt habe sie aber die „Schnauze voll“. Die neuen Regeln waren: (1) Die Männer – also Vater und ich – kümmern sich um den Baum, (2) am Heiligabend gibt es maximal Buletten (Fleischpflanzerl) oder Würstchen mit Kartoffelsalat, (3) gewünscht wird nix mehr und geschenkt nur noch, worauf man Lust hat, (4) das gesparte Geld bekommen der Postbote, der Zeitungszusteller und Hermann Gmeiners SOS-Kinderdörfer, (5) die Festtagskleidung darf nach dem Abendessen abgelegt und gegen was Bequemes ausgetauscht werden, (6) mit Verwandten und Freunden wird telefoniert ab 2. Weihnachtsfeiertag 11 Uhr, keine Sekunde vorher. Eine alte Regel blieb: Noch vor Bescherung und Abendessen las einer von uns noch einmal das Evangelium nach Lukas, Kapitel 2. Das war wunderbar.

    Wegen Vaters häufigem Gemecker über das Essen hängte meine Mutter in einem schönen Advent einen etwas zweifelhaften Spruch neben den Herd, in kitschigen Schnörkelbuchstaben: „Viele Köche verderben die Köchin.“ Das alles ist lange her, nur in der Erinnerung riecht es immer noch nach Spekulatius. Und Gänsebraten, am zweiten Weihnachtstag natürlich.

    Na, und Dich fordern doch „zwischendurch“ sicher auch noch die Tiere. Das finde ich so schön, auch wenn es Dein Ausschlafen verhindern mag. Du kannst im Stall stehen und daran denken, wo der Heiland geboren ist, und, wenn Du willst, Hirschkuh Nina ein Lied singen, wie der heilige Franz es getan hätte. – Dann ist Weihnachten, mit oder ohne Facebook, Whatsapp und Instagram.

    Ziemlich dicken Gruß

    Jesko

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